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Schlussverkauf

Was man da so alles bekommt









Schlussverkauf


Man sagt von mir, ich sei tollpatschig und ich glaube, dass ich tatsächlich eine gewisse Affinität zu Missgeschicken habe. Es ist nicht so, dass ich anderes tue als meine Mitmenschen, bei mir entwickeln sich nur die Ereignisse nicht wie bei ihnen.
Schlussverkäufe waren für mich bisher kein Thema, schon deshalb, weil ich in der Regel den Beginn dieser Veranstaltungen verschlafe und bekannter Weise ist am zweiten Tag ist das Beste bereits verramscht.
Doch dieses Mal wollte ich ganz vorne dabei sein. Stunden vor der Eröffnung stand ich bereits vor dem größten Kaufhaus am Ort. Zweiunddreißig weibliche Schnäppchenjäger warteten schon vor der geschlossenen Eingangstür. Als ich mich dieser nähern wollte, stießen sie die Ellbogen nach hinten, um den von ihnen eingenommen Platz zu verteidigen. Kurz vor öffnung des Kaufhauses befand ich mich mitten in einer drängelnden, dichten Traube von Winterschlusseinkäufern. Der Druck von hinten wurde so groß, dass ich trotz der wehrhaften Ellbogen von vorne bis an die Eingangstür geschoben wurde. Diese bog sich unter der Last bereits gefährlich nach innen.
Punkt neun erschien ein mutiger Türschließer. Kaum war die Tür entriegelt, wurde ich vom Druck der Kaufwütigen in den Laden getrieben. Eine Weile noch klebte mir der dürre Türschließer am Bauch, dann fiel er rücklings zu Boden. Ich stolperte noch über seine ausgebreiteten Arme, als ich sein Gesicht unter mir verschwinden sah.
Auch ich drohte unter den Drängelnden den Halt zu verlieren, erreichte aber mit letzter Kraft den ersten Krabbeltisch mit Büstenhaltern. Ich warf mich auf den Tisch und verkrallte mich in die Ware. Neben mir und auf mich stürzten schwitzende Weiber mit roten Köpfen; dann ließ der Druck etwas nach und ich bemerkte, wie drei oder vier Frauen von verschiedenen Seiten an den der Wäsche zerrten, die ich verkrampft festhielt. Nun ergriff auch mich das Jagdfieber und ich wollte mir um keinen Preis die Beute entreißen lassen. Die kampflustigen Frauen zogen mich an den Büstenhaltern aus dem Wühltisch heraus. Ich stemmte mich mit wüsten Beschimpfungen dagegen. Ich hatte Glück, dass je zwei Gegnerinnen auf entgegengesetzten Seiten zogen; so konnte ich zunächst mit Unterstützung der links ziehenden Frauen das rechte Bündel erobern. Anschließend lockerte ich links für einen Augenblick scheinbar den Zug, um im nächsten Moment die Kämpferinnen mit einem Ruck in meine Richtung zu zwingen. Als sie an mir vorbeistürzten, hebelte ich ihnen die Beine weg. Während sie zu Boden fielen, lösten sie ihre Klauen aus der Beute.
Mit einem Bündel BHs in beiden Händen rannte ich zur Kasse. Ich konnte dreiundzwanzig hinüberretteten. Verschwitzt und erschöpft, aber glücklich, verließ ich das Kaufhaus. Um einen Mantel, den ich eigentlich kaufen wollte, mochte ich nicht mehr kämpfen.
Auf dem Weg nach Hause verließ mich der Stolz des Jägers. In meinem Arbeitszimmer versteckte ich die Beute in einem Geheimfach meines Schreibtisches. Der Frage meiner Frau, was ich mit so vielen Büstenhaltern verschiedener Größen, Formen und Farben beabsichtige - zumal sie selbst keine trug wollte ich mich nicht mehr stellen.


© Erich Romberg
April 2000
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